Tiere essen

Jonathan Safran Foer (aka „Jon-fen“) ist schon lang recht weit oben auf der Liste meiner Lieblingsautoren. Sein erster Roman „Everything is Illumniated“ ist ein wunderbares Werk: Junger amerikanischer Jude sucht in der Ukraine nach der Frau, die seinen Großvater vor den Nazis gerettet haben soll. An seiner Seite: Der englisch-radebrechende Alex als Führer und Übersetzer, dessen blinder Großvater als Fahrer (sic!) nebst Blindenhund mit Namen Sammy Davis jr. jr. (Herrlich verfilmt mit Elijah Wood und Musik von Gogol Bordello). Ebenso verschlungen hab ich Foers zweites Buch „Extremely Loud & Incredibly Close“: Neunjähriger Hochbegabter streift durch New York auf der Suche nach dem Schloss zu einem Schlüssel, den er in den Sachen seines bei 9/11 umgekommenen Vaters gefunden hat. Verschroben, traurig, skurril, lustig, intelligent.

Jonathans jüngstes Werk ist ein Sachbuch, „Eating Animals“ (unter dem brillant übersetzten Titel „Tiere essen“ jetzt auch auf Deutsch). Anlässlich der Geburt seines Sohns hat er sich auf die Suche gemacht, woher eigentlich das Fleisch auf unseren Tellern kommt. Er begleitet Tierrechtsaktivisten in Massenhaltungsställe, wundert sich im Berliner Zoo über den „Knut“-Hype, schaut hinter die Kulissen gigantischer Schlachthöfe, erzählt von seiner Großmutter, die, dem Holocaust entkommen, eine lebenslange Leidenschaft fürs Essen entwickelte, berichtet von wohlmeinenden Putenzüchtern, die dann doch oft daran scheitern, dass es (zumindest in den USA) nahezu keine kleinen unabhängigen Schlachtereien mehr gibt. Dabei lässt er in Essays und Briefen die Akteure immer wieder direkt zu Wort kommen, von der Aktivistin bis zum Fleischproduzenten.

Jonathan selbst ist bei seiner über zweijährigen Recherche zu dem Ergebnis gekommen, auf Fleisch und Fisch künftig ganz zu verzichten – untermauert mit vielen Fakten und guten Argumenten. Die Fleischindustrie ist ein gigantischer Wasserverschwender und Wasserverschmutzer, einer der Hauptverursacher von Treibhausgasen, Quelle von Seuchen und Keimresistenzen. Mit übermäßigem Fleischkonsum stehen viele Zivilisationskrankheiten im Zusammenhang, für unseren Genuss leiden Tiere in den Ställen, beim Transport und wenn sie bei der Akkordschlachtung noch bei Bewusstsein zerlegt werden. Warum eigentlich tun wir das Schweinen, Kühen und Hühnern an, während wir Katzen kuscheln und Eisbärenbabies zu Medienstars machen?

„Iss das Roastbeef! Aber iss kein Fleisch mehr in Restaurants oder bei McDonald’s.“

Das Wunderbare an „Eating Animals“ ist vor allem sein wenig reißerischer, nachdenklicher, undogmatischer Tonfall. Jonathan ist kein Missionar, der sagt: „Werdet alle Vegetarier, sonst schmort ihr in der Hölle“; er sagt pragmatisch: „Lest die Fakten und entscheidet selbst.“

Meine eigene Antwort: Ich habe mich entschlossen, deutlich weniger Fleisch zu essen. Und wenn, dann möglichst nur noch, was wir „liebes Fleisch“ getauft haben. Fleisch also von Tieren, die ein gutes Leben und keine langen Wege bis zur Schlachtbank hinter sich haben und denen in kleinen Schlachtereien ein schneller, schmerzarmer Tod ermöglicht worden ist. Das muss nicht zwingend Bio sein; Biofleisch aus riesigen Betrieben, das ebenfalls durch Massenschlachtereien geschleust wurde, ist mir ebenso suspekt, wie das 1,89-Euro-Hack vom Discounter.

Sicher, es wäre vernünftiger gar keine Tiere mehr zu essen.

In einem Interview mit der ZEIT erzählt Jonathan, von einem Freund der sagte, er würde gern mit dem Fleischessen aufhören, „aber wenn meine Großmutter mich einlädt, gibt es immer Roastbeef, das esse ich so gern.“ Jonathans Antwort: „Iss das Roastbeef! Aber iss kein Fleisch mehr in Restaurants oder bei McDonald’s.“ Manchen meinten, das sei doch scheinheilig. Jonathan: „Okay, dann sei eben scheinheilig! Das Ziel ist ja nicht, ethisch rein zu sein, sondern die Welt besser zu machen.“

Zum echten Vegetarier zu werden, dieses Vorhaben würde bei mir scheitern, das weiß ich. Denn ich kann’s einfach nicht: Ich kann nicht auf das lecker Lamm vom Grill verzichten, nicht auf das wunderbar zarte Rinderfilet, und auch nicht auf das gelegentliche Maultäschle oder den Speck zum vollen britischen Breakfast-Programm.

Nachdem ich „Eating Animals“ gelesen habe, kann ich aber auch nicht mehr gedankenlos zum billigen Supermarktfleisch greifen oder zu all den Kleinigkeiten mit beiläufigem Schinken, Speck und Hühnerbruststreifen. OK: Ab und zu mal gibt‘s auch für mich in der Kantine Linsen und Spätzle mit Saitenwürstle, das machen die einfach fantastisch. Aber selten. Das Lamm für den Grill und das Rind für die schmiedeeiserne Pfanne kommen jetzt jedoch von der Alb und sind vom Failenschmid geschlachtet und zerlegt worden, Maultäschle gibt‘s auch vom Nepomuk.

Kostet alles deutlich mehr, gibt’s dafür aber nur noch manchmal und schmeckt dafür um so besser. Und ich hab ein leidlich gutes Gewissen dabei.

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